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Beginn:
09. April 2009

Letzte Änderung:
Di, 8. Jun 2010

Fall Kraymeir
Fall 4

Obdachlos nach 400 Jahren…

oder: Wenn die Stadt ein Grundstück braucht

Der Schreinermeister Andreas Kraymeir (Name geändert) hat Zeit seines nun fast sieben Jahrzehnte dauernden Lebens vier Dinge falsch gemacht. An keiner trägt er irgendeine Schuld:

1. Er hat einem Auftraggeber vertraut,

2. Er hat seiner Hausbank vertraut

3. Er hat seiner Stadt vertraut;

4. Er hat einem Berater vertraut.

Das hat ihm die Existenz vernichtet, seiner Frau das Leben gekostet, seiner Mutter das Vermögen und seinem Sohn die Lebensgrundlage. Er büßt seine Gutgläubigkeit mit Obdachlosigkeit und der Arroganz derer, denen er vertraut hat. Die Gemeinde und die örtliche Volksbank konnten sich am Schluss  über ein wertvolles Grundstück freuen.

Hier die noch anonymisierte Fassung des Falles. Die Bank ist aufgefordert, unkorrekte Darstellungen zu korrigieren. Nach Eingang der Stellungnahme werde ich diese in geeigneter Form veröffentlichen und die Anonymisierung aufheben. Dann haben die Leser auch Zugriff auf die hinterlegten Beweisdokumente. Ich hebe die Anonymisierung auch auf, falls die Bank nach Monatsfrist keine Stellungnahme abgegeben hat, weil ich dann davon ausgehe, dass nach Sicht der Bank zu dieser Darstellung keine Berichtigung im Sinne einer korrekten Fallbeschreibung notwendig ist.

Für den Fall, die Bank sieht ihr Fehlverhalten ein, und es kommt zu einer gütlichen Einigung, behalte ich die Anonymisierung bei.

Die Familie Kraymeir (Landwirte, Schreiner, Kirchenmaler, Maler, Zimmerer) war seit 1611 im Besitz eines großen Anwesens im bayerischen Vorgebirgsland. Es umfasste zuletzt einen Bauernhof, eine Schreinerwerkstatt und ein Einfamilienhaus. Zum Grundbesitz gehörten 5.000 Quadratmeter Bauerwartungsland sowie rund 10 Hektar (100.000 Quadratmeter) Wald- und Wiesengrund.

1972 bestand Andreas Kraymeir die Meisterprüfung als Schreiner, übernahm das gesamte Anwesen mit allen Verbindlichkeiten und errichtete seine Werkstatt, die er kurz darauf auch erweitern konnte.

Die Geschäfte liefen gut, vor allem, nachdem er als Franchisenehmer der Fenster- und Türenbaufirma Portas verstärkt Zugang zu dem damals ohnehin boomenden Markt bekam. Um die Portas-Aufträge getrennt von seiner traditionellen Schreinereinwerkstatt abarbeiten zu können, gründete er sogar eine entsprechende GmbH.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

1990 übernahm diese Gesellschaft von dem Bauträger Diener-Steinhaus einen größeren Auftrag mit einem Volumen von 1,2 Mio. DM. Um den Auftrag durchführen zu können, kaufte sie über Kredit erhebliche Mengen Material und Vorprodukte, die zu einem großen Teil auch verbaut wurden. Der Bauträger ging kurze Zeit später in Konkurs. Prozesse um Schadensersatz und ähnliches gingen verloren.

Aus diesem Desaster gingen Kraymeir und seine GmbH mit rund 1,2 Millionen DM Schulden bei der Bank und bei Lieferanten heraus. Trotzdem: Im Prinzip stand der Unternehmer so schlecht nicht da. Den Verbindlichkeiten standen sein Anwesen mit geschätzt 5 Million DM Wert entgegen; mit der Grundschuld darauf war die Bank allein schon ausreichend gesichert; wenngleich Andreas’ Mutter mit einem Leibgeding an erster Stelle im Grundbuch stand.

Hätte das nicht gereicht (weil ein Leibgeding an erster Rangstelle stets die Verwertung einer Immobilie erschwert), konnte der Unternehmer immer noch seine Lebensversicherung auflösen, deren Rückkaufswert damals bei mindestens 400.000 DM lag. Auch seine Frau war bereit einzuspringen, die ein eigenes Haus im Wert von 650.000 DM besaß, das mit nur noch 50.000 DM Restschulden belastet war.

Zusätzlich besaß auch noch die Altbäuerin, Andreas Kraymeirs Mutter, ein Grundstück, das als Bauerwartungsland eingestuft war, 5.500 Quadratmeter maß und damals mindestens eine halbe Million DM wert war. Und ganz im Hintergrund gab es noch ein Grundstück, das dem Sohn des Unternehmers, Andreas junior, gehörte. Von diesem Grundstück wusste die Bank aber erst einmal nichts.

Eigentlich also ein guter Vermögensstock, eine wirtschaftliche Krise aufzufangen; vor allem dann, wenn die Hausbank sich ein wenig Mühe gibt, und die Einwerbung von Fördergeldern, die der Freistaat ja für die Bewältigung exakt solcher Problemsituationen zur Verfügung stellte, übernimmt.

Die tat aber nichts dergleichen, sondern verweigerte sich jeglicher Vergleichsbemühungen. Es lässt sich jetzt gut spekulieren, warum eine Bank einen Kunden, wenn er auch bereits Problemkunde ist, ins Messer laufen lässt. Oft spielen persönliche Animositäten eine rolle, davon ist hier aber nichts bekannt; bei Sparkassen und Volksbanken kommen häufig aber auch übergeordnete Aspekte zum Tragen, die mit der Pflege des politisch-ökonomischen Flechtwerks zusammenhängen, in die sich oft bereits niederrangige Bankfunktionäre einbinden lassen. Da spielen die Interessen der Kommune, deren Repräsentanten in Aufsichtsräten und Kreditausschüssen der Geldinstitute mitwirken, oftmals eine größere Rolle als die Existenzberechtigung einen kleinen Handwerkers, der zwar fleißig Zins und Steuern bezahlt, auch den einen oder anderen Arbeitsplatz schafft, aber sonst für die jeweiligen Karrieren kaum förderlich ist.

Und so lässt sich speziell vor diesem Hintergrund die Sicht der Bank und der Kommune zu rekonstruieren versuchen:

Da war ein Unternehmer in Not, dessen Familie über attraktive Grundstücke verfügte, die sich problemlos in Bauland würden umwandeln lassen. Da war eine Gemeinde mit exponentiellem Zuzug bestens verdienender High-Tech-Werker aus Automobil-, Elektro- und Luftfahrtindustrie, die den einheimischen Häuslebauern die Grundstücke vor der Nase zu Höchstpreisen wegkauften und da war ein Bürgermeister, dessen politische Karriere auch aufgrund der Grundstückmisere bedroht schien.

Die Lösung wäre gewesen, der Gemeinde Grundstücke zu Niedrigstpreisen zukommen zu lassen, die diese dann bevorzugt und mit nur geringem Gewinn an Einheimische verkaufen konnte. Ein entsprechendes Modell, erarbeitet von der Staatsregierung, gab es dazu auch und hieß „Einheimischen-Modell“.

Die Aufgabe hieß nun: Wie an die Grundstücke herankommen, wenn die bisherigen Eigentümer sich nicht davon trennen wollen? Die Antwort hieß dann wohl: kalt enteignen; wobei beide, Bank wie Gemeinde und später auch noch die Justiz, gut Hand in Hand arbeiteten.

Von den Eigentümern war effiziente Gegenwehr nicht zu erwarten. Denn der Schuldner Kraymeir, die ehrliche Haut, lebte bereits in Angst vor der Bank und wusste mit seinen vermeintlichen Riesen-Schulden nicht ein noch aus.

Die Strategie: Bauland kalt enteignen

So lautete die Parole erst einmal: Hängen lassen, Druck aufbauen und abwarten. Daher war nichts mit Sanierungshilfen durch den Staat, denn die kann nur eine Bank, so sie es wirklich will, herausreichen. Und daher war auch nichts mit der von Schreiner Kraymeir erbetenen Genehmigung, aus den Grundstücken wenigstens zwei Parzellen herauszutrennen und in Bauland umzuwandeln, um mit dem Verkaufserlös die Schulden begleichen zu können. Der Antrag wurde vom Gemeinderat folglich abgelehnt. Die Schulden liefen weiter und verdienten der Bank Zinsen.

Andreas Kraymeir ahnte nichts von der Gefahr, in der er und seine Familie lebten. Als redlicher Handwerker war er nur daran interessiert, die Schulden schnellstmöglich zu tilgen. Da er sich die Regulierung seines Problems alleine nicht zutraute, legte er sein Schicksal in die Hand eines Beraters aus München, eines Gerhard Strauhs (Name geändert), den er aufgrund einer Zeitungsanzeige aufgesucht hatte.

Er und seine Frau statteten den Mann mit einer unbegrenzten Vollmacht aus, vereinbarten noch ein Pauschalhonorar um die 100.000 DM und hofften auf eine baldige Sanierung. Die Hoffnung sollte sich schnell ins Tragische umkehren.

Zunächst ging alles seinen üblichen Gang: Nach der Auflösung der Lebensversicherung für 400.000 DM und dem Verkauf des Hauses der Ehefrau für 650.000 DM konnten die Schulden auf rund 300.000 gedrückt werden. Die daraus entstandenen Verpflichtungen konnte der Handwerker leicht erfüllen; die Bank hielt still - bis 1995. Da verlangte sie die endgültige Regelung der Restschulden.

Die Farce mit dem Bauland

Kundenberater Gebauer (Name geändert) hatte auch gleich einen Vorschlag zur Hand: Mutter Kraymeir solle ihr Bauerwartungsland umwidmen lassen und verkaufen. Dafür solle sie ihr Leibgeding aufgeben, weil nur dann die Grundstücke mit Gewinn verkauft werden könnten. In diesem Fall würden 300.000 DM sofort für die Schuldentilgung frei. Gleichzeitig solle Andreas Kraymeir junior, der Sohn des Handwerkers, das restliche Familienvermögen, also das Hofgrundstück des Seniors mitsamt der Halle und dem Wohnhaus der Familie sowie der Werkshalle, übernehmen.

    Rechercheanfrage an Gebauer

    Hatten Sie/die Bank damals wirklich die Absicht, das Leibgeding nach der Transaktion wieder an die erste Rangstelle rücken zu lassen? Warum sind Sie oder andere Mitarbeiter später von dieser Zusicherung abgerückt?

Mit der Übergabe des Grundstücks an den Enkel war die Altbäuerin einverstanden; das Ansinnen, die erste Rangstelle des Leibgedings (das auf dem Grundstücks des Unternehmers lag) aufzugeben, wies sie vehement zurück. Denn das hätte sie und ihren Rentenanspruch ins Ungewisse katapultiert: Im Falle, der Sohn könnte die Krise nicht meistern, hätte sie nicht einmal das Recht, die Rente vollstrecken zu lassen - notfalls mit Hilfe der Zwangsversteigerung der Hofstätte. Da waren die oberbayerischen Bauersleut aus recht hartem Holz geschnitzt und instinktsicher. Ein paar Quadratmeter hergeben - kein Problem. Aber die gesamte Altersversorgung aufs Spiel setzen - nie und nimmer!

Wäre sie doch dabei geblieben! Aber als zwei sehr honorige Persönlichkeiten, der Notar Dr. Klab (Name geändert) und der Kreditsachbearbeiter der Bank ihr hoch und heilig versicherten, es sei überhaupt keine Schwierigkeit, nach Übernahme des Hofes durch den Enkel das Leibgeding wieder an den alten Platz zurückkehren zu lassen, willigte sie schließlich, wenn auch unter Tränen, ein. Sicher machte ihr die von dem Bankbeamten Gebauer vorgetragene Aussicht, damit würden gleich 300.000 DM für die Schuldentilgung frei, die schwere Entscheidung leichter.

    Frage an Dr. Klab:

    Haben Sie die Eigentümerin auf die Bedingungen hingewiesen, unter der ihr Eigengeding wieder in die erste Rangstufe hätte kommen können?

Dem ehrenwerten Notar Klab, der heute seine wohl verdiente Rente genießt, soll nicht unterstellt werden, dass er in das, was danach kommen sollte, eingeweiht war.

Es kam ganz schnell: Kurz nach der Unterschrift der alten Frau unter das Verarmungsdokument besetzte die Bank die frei werdende Grundbuchstelle mit einer Grundschuld, die weit über dem lag, was Andreas Kraymeir der Bank noch schuldete. Damit war erreicht, dass die Sicherheiten komplett ausgereizt waren und der Handwerker keine sonderlichen Chancen mehr hatte, mit einer anderen Bank die Schulden und die Grundschuld abzulösen - wenn die Raiffeisenbank sich darauf überhaupt hätte eingelassen.

Es ist ja immer noch zu vermuten, dass die Bank auch weiterhin das Ziel verfolgte, sich zusammen mit der Gemeinde den kompletten Familienbesitz anzueignen.

Der zweite Zug des Vernichtungsfeldzuges geschah ebenso prompt; und Kraymeir junior spielte der Bank und der Gemeinde dabei auch noch in die Hand: Er beantragte die Umwidmung des Hofareals zu Bauland.

Jetzt plötzlich war die Gemeinde mit Bürgermeister Michael Merbling (Name geändert) bereit, dem Wunsch nach Umwandlung des Bauerwartungs- in Bauland zuzustimmen; wenn auch mit ganz anderen Folgen, als die Familie Kraymeir es erwartet hatte.

Erschlichenes Geschenk

Denn mit der Umwandlung verbanden die Gemeinderäte gleich eine Auflage: Von den 5.400 Quadratmetern, die auf dem freien Mark zu mindestens einer halben Million zu verkaufen gewesen wären, musste der Eigentümer, also Andreas Kraymeir junior, 4.300 Quadratmeter zu einem Sonderpreis der Gemeinde abgeben - zwecks Vermarktung als Bauland nach dem Einheimischenmodell.

    Frage an die Stadt:

    Bitte geben Sie Einblick in die entsprechende Bescheide, Rechnungen und den dazu gehörenden Schriftverkehr.

Kraymeir junior stimmte zu, beeilte sich, die ihm zur Verfügung gebliebene Fläche zu verkaufen und erzielte daraus auch 110.000 DM. Über den Betrag, den die Gemeinde für die restliche Fläche bezahlte, um sie in das Einheimischen-Modell einzuspeisen, ist nichts bekannt. Eine Abrechnung haben weder der Sohn noch Senior Kraymeir erhalten. Sie haben von dem Geld auch nichts gesehen. Stattdessen hat die Bank den gemeindlichen Kaufpreis, der eigentlich dem Sohn Kraymeir zustand, mit den Schulden des Vaters beziehungsweise der GmbH verrechnet und darüber keine Abrechnung vorgelegt.

    Frage an die Stadt

    1. Bitte geben Sie Einblick in den Verrechnungsvorgang.

    2. Aus welchem Grund wurde Geld, das Herrn Kraymeir zustand, an die Bank gezahlt?

    3. Warum wurde keine Abrechnung vorgelegt?

Jetzt stand die Familie auf der Klippe, und es brauchte nur noch eines kleinen Schubsers. Diese Schmutzarbeit übernahm die Gemeinde und verwendete dafür das Instrument der Erschließungskosten.

Erschließungskosten fallen für die Ausstattung eines Grundstücks mit Straßen und Versorgungs- sowie Entsorgungseinrichtungen an: Strom-, Gas- und Wasserleitung sowie Kanalisation.

Hat die Stadt die Erschließungsarbeiten durchführen lassen, legt sie die Kosten auf den um, der von den Grundstücken Nutzen hat, zum Beispiel sie verkauft oder gleich selber darauf baut. In der Regel werden die Kosten nach der Länge der Straßenfront der jeweils genutzten Parzelle aufgeteilt. Demnach hätte Andreas Kraymeir junior eigentlich lediglich für die Straßenfront bezahlen müssen, die seine Grundstücke umfassten, die Gemeinde für den Rest.

Was aber macht die? Sie stellte die gesamten Erschließungskosten in Rechnung. Damit war der Erlös aus den 1.100 Quadratmetern verkauften Baulands natürlich drastisch gemindert - um wie viel, können die Kraymeirs heute nicht mehr sagen. Denn die Stadt weigerte sich später auch hier, die entsprechenden Unterlagen herauszureichen; nicht einmal in die Protokolle der Gemeinderatssitzung durfte der Genasführte Einblick nehmen. Somit hat Kraymeir junior der Gemeinde Feldkirchen-Westerham die Erschließungskosten für ein Grundstück, das ihm danach nicht mehr gehörte, schenken müssen.

    Frage an die Stadt:

    Bitte nennen Sie die Rechtsgrundlage, nach der die Erschließungskosten in der geschilderten Weise umgelegt werden.

Zwischenbilanz 1996: Der Grundbesitz der Familie Kraymeir war nun um 5.400 Quadratmeter verkleinert, von denen 4.300 Quadratmeter an die Gemeinde übertragen wurden, und die Schulden waren inzwischen auf rund 1,2 Millionen DM angewachsen (man erinnere sich: vor dem Deal betrugen sie gerade noch 300.000 DM). Altbäuerin Kraymeir war die Sicherheit für ihre Altersversorgung los, der Schreinermeister seine Lebensversicherung und Frau Kraymeir ihr Wohnhaus.

Das reicht eigentlich, um einen Unternehmer umzuwerfen. Aber Andreas Kraymeir war zäh. Noch hatte er ja seinen Hof (wie gesagt: 5 Millionen DM wert), seine Schreinerwerkstatt und jede Menge Aufträge. Der Gemeinde und der Bank drohte das restliche Vermögen doch noch aus den Händen zu gleiten.

Der Stoß in den Konkurs

Das wollte zumindest die Bank nicht zulassen. Sie kündigte nach kurzem Geplänkel alle Kredite und untersagte alle weiteren Verfügungen. Da Kraymeir senior nicht nur Einzelunternehmer, sondern auch Geschäftsführer jener GmbH war, in der er alle Portas-Aufträge abgewickelt hatte, musste er im November 1996 für diese Insolvenz anmelden - damals hieß das noch Konkurs.

Konkursverwalter wurde ein gewisser Dr. Michael Matz (Name geändert), der auch heute, zehn Jahre nach Eröffnung des Verfahrens, als Verwalter derselben Pleite agiert (und entsprechende Gebühren zieht). Auch über Dr. Matz gibt es später noch einiges zu sagen.

Auf die Kreditkündigung folgte der Antrag auf Versteigerung des Hofes. Im Vorfeld kam es dann zu einer mysteriösen Absprache zwischen Kraymeir junior und der Bank, nach der dieser, weil die Übergabe des Hofes und der Werkstatt doch ohnehin geplant gewesen sei, das Anwesen gegen Schuldenausgleich auf sich überschreiben lassen solle.

Erneute Zwischenbilanz, um das Geschehen zu reflektieren: Bei dem jetzigen Recherchestand erscheint die Sache mit der Überschreibung gegen Schuldenausgleich reichlich unverständlich; aber die Bank kann ja helfen, die Dinge aufzuklären; eine entsprechende Anfrage hat sie ja erhalten.

    Frage an die Bank:

    Bitte übermitteln Sie den entsprechenden Vertrag.

Es lässt sich aber eine Hypothese bilden: Um an das gesamte Immobilienvermögen zu kommen, musste ein Weg gefunden werden, den Sohn mit in die Haftung des Vaters zu nehmen. Das geht am besten mit einem Schuldbeitritt des Sohnes, was die Bank wahrscheinlich nicht erreichen konnte. Der Schwachpunkt war allein der Senior mit seinem inzwischen reichlich angegriffenen Nervenkostüm. Wenn es gelingt, so möglicherweise das Kalkül der Verschwörer (falls es eine Verschwörung gab), könnte der Sohn mit hineingezogen werden, ohne dass er dem bösen Treiben etwas entgegensetzen könnte. Wie die Strategie umgesetzt wurde, kann wirklich nur als Meisterleistung bewertet werden.

Zunächst wurde also die Überschreibung vollzogen. Was dabei wie verrechnet wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen; die Bank verweigert auch gegenüber den Kraymeirs jegliche Auskunft. Kraymeir junior war somit Eigentümer des umkämpften Anwesens; jedoch nicht der Werkstatt mitsamt den Maschinen, Vorprodukten und Materialien. Über die verfügte, weil Eigentum der in Konkurs gegangenen GmbH, der Konkursverwalter Dr. Matz, der, wohl in Abstimmung mit der Bank, schnell tätig wurde. Damit kam die Justiz ins Spiel, denn Rechtsanwälte sind nun einmal Teil der Rechtsprechung, also Teil der Justiz.

Gebrochene Finanzierungszusage

So bot Matz dem jungen Kraymeir die Werkstatt mitsamt Inventar für 90.000 DM zum Kauf an. Die Bank, speziell der Kreditsachbearbeiter Gebauer, versprachen, das Geld dafür zur Verfügung zu stellen. Der junge Kraymeir nahm das Angebot an und unterschrieb den Kaufvertrag. Das Geld dafür hatte er zu dem Zeitpunkt aber nicht, lediglich ein mündliches Versprechen des Kreditsachbearbeiters Johann Gebauer für einen entsprechenden Kredit sowie für die Einrichtung eines Kontokorrents mit 10.000 DM Limit.

Nun muss den Bankbeamten Gebauer (Name geändert) plötzlich das Gedächtnis verlassen haben, denn als Andreas Kraymeir bei einem Bankbesuch die Finanzierung perfekt machen wollte, stieß er auf blanke Ablehnung. Da, so Vater Kraymeir, habe sein Sohn unter Tränen erst einmal die Brocken hingeschmissen.

    Frage an Gebauer:

    Aus welchen Gründen ist die Bank/sind Sie von der Vereinbarung abgerückt?

Dabei hätten die Voraussetzungen für einen Neuanfang nicht besser sein können: Kraymeir senior hatte inzwischen Aufträge über 150.000 DM eingesammelt, die dringend abgearbeitet werden mussten. Also reaktivierte er seine Einzelfirma, krempelte die Arme auf, stellte drei Mitarbeiter ein und fing neu an. Natürlich waren die Mittel knapp und an günstige Beschaffung war auch nicht mehr zu denken - eben wegen des Konkurses, den er hingelegt hatte. Außerdem bestanden bei vielen Auftraggebern Zweifel, ob die Schreinerei aufgrund der Belastungen aus dem Konkurs den Atem haben würde, größere Aufträge korrekt durchzuführen.

Um die Sache einfacher zu machen, ließ der Sohn, bis dahin in der Schufa noch nicht negativ vermerkt, sich schließlich überzeugen, die Geschäfte an Stelle des Vaters weiterzuführen. Immerhin hatte er damals noch sein Grundstück als eiserne Reserve in der Rückhand; auch die Bank wusste inzwischen davon. Der Vater zog sich nach außen hin zurück und leitete die Produktion.

Böser Trick: Einzelschuldner wird Gesamtschuldner

Um den Sohn schufamäßig weiter sauber zu halten, bot der Vater an, dessen Schulden aus dem Kauf der Werkstatt zu übernehmen. Er unterschrieb, wie er damals meinte, darüber auch einen Schuldübernahmevertrag - zuerst in der Kanzlei des Dr. Matz, später dann bei einem Notar.

Entsprechend zahlte Kraymeir junior monatlich 2.000 DM auf das Konto des Konkursverwalters, der wenige Wochen darauf plötzlich 4.000 DM verlangte - ein Betrag, den die neue Firma nicht aufbringen konnte.

Was danach kam, wird der Konkursverwalter Dr. Matz vor seinem Gewissen zu verantworten haben: Er zog den vermeintlichen Schuldübernahmevertrag, nach dem die Schulden des Sohnes angeblich vom Vater übernommen wurden, aus der Schublade und bewirkte damit die Zwangsversteigerung des Grundstücks des Juniors.

Wie das? werden juristisch Bewanderte fragen. Was hat der Sohn denn jetzt noch mit den Schulden des Vaters zu tun, und was vor allem das bisher unbelastete Grundstück?

Ganz einfach: Statt eines Schuldübernahmevertrages hatte der Senior einen Schuldbeitritt unterschrieben, und das auch noch notariell beurkunden lassen. Mit der Folge, dass nun beide für die Schulden beim Konkursverwalter hafteten und der sich nun aussuchen konnte, wen er zur Schuldenbegleichung heranzog. Das war logisch aber eher unanständig, weil beim Alten nichts mehr zu holen war.

    Dokument: Schuldbeitrittsvertrag

Lange Zeit blieben die Vorgänge hinter den Vollstreckungsaktivitäten versteckt, und Vater wie Sohn fragten sich, wieso die Bank sich weigerte, das Geld für den Kauf der Halle und des Inventars herauszureichen. Schließlich hatte man sich doch im Gütlichen so geeinigt, den Neustart durch eben diesen Kredit zu ermöglichen.

Schulden bezahlt oder nicht?

Bis eines Tages eine interne Aktennotiz der Bank auftauchte. Darin listete Kreditsachbearbeiter Gebauer Kraymeir Seniors Schulden bei der Bank auf. Darin tauchen 90.000 DM auf, die spätestens am 21. April 1997 (auf diesen Tag datiert die Aktennotiz) an den Konkursverwalter gezahlt worden sind. Vermerk: „Zahlung an den Konkursverwalter aus Vertrag“.

    Dokument: Aktennotiz

Bisher blieb die Bank auf die Frage, um welchen Vertrag es sich hierbei handele, jede Antwort schuldig. Aber verwunderlich ist das schon. Denn es gab einen Vertrag über 90.000 DM zwischen Insolvenzverwalter und Kraymeir junior für den Kauf der Werkstatt, die Dr. Matz nicht erhalten haben will. Ist das Geld doch geflossen? Hat Dr. Matz da etwas in seiner Buchhaltung übersehen? Vielleicht wird er die Frage aufklären, darum gebeten wurde er ja.

Dr. Matz, der Verwalter des Vermögens der insolventen GmbH, der sich eigentlich nur um die Werkstatt samt Inventar zu kümmern hatte, hatte nun plötzlich Zugriff auch auf das Familienanwesen mit Hof und Wohnhaus. Deren Zwangsversteigerung fand im Oktober 1999 statt, und es gab auch einen Zuschlag - die Bank hatte die Immobilie selbst ersteigert; angeblich zum Schutz der Familie Kraymeir. Ihr fehlte aber, um Vater, Mutter, Großmutter und Sohn endgültig zu ruinieren und wehrlos zu machen, noch das Grundstück des Juniors.

Daher spielte die Bank, immer noch der Herr Gebauer, dem Junior vor, sie würde auf die Annahme des Zuschlags verzichten, wenn er sein Grundstück der Bank notariell übertrüge - das tat der auch in seiner Not. Dieses merkwürdige Versprechen war wohl nötig, um Kraymeir junior ruhig zu halten. Denn noch lief das Versteigerungsverfahren in dessen Grundstück, und ein gewitzter Anwalt hätte womöglich die Machenschaften der Gemeinde, der Bank und des Insolvenzverwalters durchschaut und wenigstens dieses Restvermögen sichern können.

Der Plan ging auf; Kraymeir junior verzichtete auf alle Rechtsmittel gegen die Zwangsversteigerung und übertrug das Grundstück auf die Bank. Diese vergaß jedoch ihr Versprechen und nahm den Zuschlag an. Damit war alles zuschanden, was sich in 400 Jahren Familiengeschichte entwickelt hatte.

Schuften für die Bank

Trotzdem blieb die Familie zunächst in den Gebäuden, weil sie hoffte, mit den noch anstehenden Schreineraufträgen wenigstens das Geld verdienen zu können, das sie zum Leben brauchte. Die Bank hielt zunächst auch still und nahm es sogar hin, dass keinerlei Nutzensentgelt gezahlt wurde.

Sie tolerierte auch, dass Kraymeir senior noch versuchte, das Anwesen umzunutzen - ein wahnwitziges Unterfangen. So plante er, die Gebäude in ein Wohnheim für betreutes Wohnen umzubauen und fand dafür auch interessierte Partner. Wahnwitzig war dieses Unterfangen allein deswegen, weil der Bank das Anwesen längst gehörte, jeder Umbau und jeder Weiterentwicklung also allein dieser zugute kommen würde - aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

So geschah es dann auch im November 2002, die Enteignung lag nun schon 3 Jahre zurück, als die Bank die Familie zu einem Gespräch einbestellte. Im Beisein des Bürgermeisters der Gemeinde und einiger anderer Lokalpolitiker wurde den noch hoffnungsfrohen Kraymeirs erklärt, Bauernhof, Werkstatt und Wohnhaus würden nun abgerissen und in Bauland umgewandelt. Geplant seien der Bau von drei Doppel- und drei Einfamilienhäusern.

    Frage an Bank/Gebauer:

    1. Was bezweckten Sie mit diesem Gespräch?

    2. Waren die Lokalpolitiker in den Fall so involviert, dass Sie sicher sein konnten, beim Gespräch keine Bankgeheimnisse preiszugeben?

Beide Kraymeirs möchten sich über ihre Gefühle nach dieser Eröffnung nicht äußern. Ihnen hatte man den Verkauf zweier Bauland-Parzellen unmöglich gemacht, der ihnen aus allen Sorgen geholfen hätte - und jetzt dieses riesige Projekt! Außerdem wurde deutlich, dass es längst nicht nur um Bauplätze für Einheimische ging, sondern um die Überbauung durch x-beliebige Interessenten. Viel später kamen die Kraymeirs sogar noch darauf, dass einige dieser Grundstücke sogar von der Bank selber vermarktet wurden.

Terror und tödlicher Herzinfarkt

Kurz nach der denkwürdigen Sitzung ging, so Kraymeir senior, ein wahrer Terror gegen Frau Kraymeir los. Sie war es nämlich, die mehrmals in der Woche Anrufe eines Mitarbeiters der Bank entgegen nehmen musste, der mit wüster Wortwahl die Räumung des Anwesens verlangte. Dabei war zumindest dem Kreditsachbearbeiter Johann Gebauer bewusst, dass die Frau bereits einen stressbedingten Herzinfarkt erlitten hatte; es lag auch ein entsprechendes Attest vor. Jeder einigermaßen medizinisch aufgeklärte Mensch wusste schon damals, immerhin im Jahr 2003, dass Angststress einer der wichtigsten Auslöser für Herzinfarkte ist, und ein derart geschwächtes Herz einen erneuten Infarkt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verkraften würde.  So kam es dann auch: Am 3. Februar 2003 starb Frau Kraymeir an ihrem zweiten Herzinfarkt.

    Dokument: Attest

Von da an hatten die Kraymeirs keine Kraft mehr zu Gegenwehr. Sie brachten die damals 83-jährige Großmutter noch im Hof des Bruders von Andreas Kraymeir senior unter (wo sie heute noch wohnt) und mussten dann zusehen, wie die alten Hofgebäude und die Werkstatt eines nach dem anderen abgerissen wurden.

Wehrlos gemacht

Alles Inventar, auch die Geschäftsunterlagen, landete in Containern, deren Inhalt im April 2004 ohne Rücksprache mit dem Unternehmer vernichtet wurde. Retten konnte er nur noch wenige Dokumente, so dass ihm heute jede Möglichkeit zur Gegenwehr genommen ist. Dabei ist inzwischen bekannt, dass die Bank es bei der Abrechnung von Kreditkonten so genau nicht genommen hat.

    Anfrage an Spediteur: Link auf Brief

    Anfrage an Insolvenzverwalter:

    Auf welcher Rechtsgrundlage haben Sie die Vernichtung der Unterlagen angeordnet oder zugelassen?

    Anfrage an Bank:

    Auf welcher Rechtsgrundlage haben Sie die Vernichtung der Unterlagen angeordnet oder zugelassen?

Andreas Kraymeir ist jetzt, mit 68 Jahren, obdachlos und lebt von monatlich 840 Euro Alters- und Witwenrente, von denen ihm die Krankenkasse 150 Euro pfändet - irgendwann hatte er die Sozialabgaben seiner Mitarbeiter nicht mehr zahlen können.

Der Sohn hat bei einer großen bayerischen Bühne als Kulissenbauer Arbeit gefunden; von dem nicht sehr hohen Gehalt pfändet Insolvenzverwalter Dr. Matz monatlich 350 Euro - damit ist der junge Mann auf dem Existenzminimum gelandet.

Die Bank verweigert jegliche Abrechnung; ebenso der Insolvenzverwalter; das Grundbuchamt unterbindet jeden Einblick in die Bücher. Untergekommen ist er im Gästehaus einer Künstlerin, die am Tegernsee in der Nähe seiner ehemaligen Heimat wohnt; er muss ihr manches Mal sogar die Miete schuldig bleiben.

Zur Vernichtungsstrategie der Bank mag auch die Kriminalisierung ihres Opfers gehören: Als der Unternehmer mit ansehen musste, wie die Bagger seine Heimat niederwalzten, brach aus ihm heraus, diese Banker gehörten erschossen. Irgendjemand hatte das mitbekommen und die Polizei alarmiert. Die besetzte kurz darauf  die Wohnung des gebrochenen Mannes und fanden dort einen alten Zimmerstutzen, den er vom Vater geerbt hatte - verstaubt und vergessen, aber immerhin noch funktionstüchtig.

Die Bank, so berichten Insider, hätten die Drohung tatsächlich ernst genommen und eine Sicherheitsschleuse zwischen den Räumen für den gewöhnlichen Kunden und denen der Vorstandsetage einrichten lassen. Andreas Kraymeir, damals schon mittellos, hingegen wurde zu zwanzig Tagessätzen à 20 Euro verurteilt.

Der saubere Gerhard Strauhs

Zu Gerhard Strauhs ist zu sagen, dass Andreas Kraymeir diesen als Inhaber einer Unternehmung kennen gelernt hat, die damals Krisenmanagement anbot. Er war bereit, den Fall zu übernehmen. Das Pauschalhonorar für geschätzte maximal 5 Monate Zeitaufwand sollte bei 100.000 DM liegen. Um ihm freie Hand zu geben, hatten alle Familienmitglieder ihn mit einer unbeschränkten Vollmacht ausgestattet.

Als bei den Kraymeirs sich der Verdacht aufkam, Strauhs arbeite nicht sauber, widerriefen  sie die Vollmacht. Daraufhin stellte Strauhs noch eine Abschlussrechnung über 770.000 Mark.

Nach endlosen Verhandlungen und dem Versuch einer Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München (die nicht bearbeitet wurde) wurde in den Räumen der Bank ein Vergleich über 50.000 DM erreicht - zu zahlen an Herrn Strauhs. Kreditsachbearbeiter Gebauer überreichte dem Berater noch am selben Tag einen entsprechenden Scheck. Ob damit sein Konto weiter belastet wurde, weiß Andreas Kraymeir nicht mehr und kann das wegen der Vernichtung der Akten durch die Bank auch nicht mehr ergründen.

    Frage an Bank/Gebauer:

    1. Auf wen war der Scheck gezogen? Wurde einer der Kraymeirs mit dem Betrag belastet?

    2. Aus welchem Rechtsgrund wurde der Betrag an Strauhs bezahlt?

Die Firma Sonotron, die die seltsame Sanierungsberatung betrieben hat, gibt es nicht mehr. Es existierte in der Schweiz einmal eine Firma gleichen Namens, die Geschäftsbeteiligungen hielt; auch diese ist aufgelöst. Herr Strauhs fungiert inzwischen aber als Geschäftsführer einer in München ansässigen DMS-GmbH, die Unternehmer bei Projekten der Computeranwendung berät.

Die Treiber und Nebenspieler des Zusammenbruchs: alle gut abgesichert

Kreditsachbearbeiter Johann Gebauer genießt im idyllischen Orftring (Name geändert) seinen Ruhestand; Bürgermeister Michael Merbling den seinen ganz in der Nähe und bewirtschaftet dort noch immer seinen Hof. Auch der Notar ist im Ruhestand; den man kann in dieser idyllischen Gegend ganz besonders genießen kann. Insolvenzverwalter Dr. Matz arbeitet weiter als Insolvenzverwalter; pikanterweise bietet er sich auch als Sanierungsmanager an.

 

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